Gottes Versprechen an die Menschen

Im Land Israel neigte sich der Sommer dem Ende zu. Noch waren die Tage warm und sonnig, doch in nur wenigen Wochen würde der Frühregen einsetzen und die Erntezeit beenden. Überall sah man frohe Gesichter, denn der Sühnetag war vorbei und das Laubhüttenfest stand bevor. Auch auf dem Berg Karmel bereitete man sich auf die Feiertage vor. Wie jedes Jahr waren auch diesmal Essēner aus dem ganzen Land hierhergekommen, wo der Tempel ihrer Gemeinschaft stand. Von allen Seiten tönten erfreute Rufe. Freunde und Verwandte begrüßten sich und tauschten Neuigkeiten aus, Kinder liefen lachend und spielend herum. Alle waren eifrig dabei, die Laubhütten aufzubauen, in denen sie während der achttägigen Feierlichkeiten wohnen würden.

Von einer Anhöhe aus beobachtete Enosch die fröhliche Menge und freute sich an dem bunten Treiben. Doch dann drehte er sich entschlossen um und ging zurück in sein Studierzimmer. Morgen wollte er vor all diesen frohen Menschen die Rede halten, mit der das Fest beginnen sollte. Diesmal hatte er ihnen etwas ganz Besonderes mitzuteilen, und er wollte seine Worte klug wählen. Noch einmal schaute er in die Aufzeichnungen. Ja wirklich, die Zeichen des Himmels ließen keinen Zweifel: Der Ewige würde sein Versprechen an die Menschen bald einlösen!

Früh am nächsten Morgen versammelten sich die vielen Menschen vor dem Tempel der Essēner, um gemeinsam das Rauchopfer darzubringen und Gottesdienst zu feiern. Andächtig schauten sie auf Enosch in seinem Festgewand, der, im Geist ganz gesammelt, die Stufen zum Tempel hinaufstieg und mit der Zeremonie begann. Nach dem Schlusssegen, als das erste Sonnenlicht erstrahlte, wandte er sich der Menge zu. Erwartungsvoll schauten ihn die Essēner an.

„Liebe Brüder und Schwestern!“ rief Enosch, „Es erfüllt mich mit großer Freude, euch alle hier wiederzusehen. Es tut gut, einen Ort zu haben, an dem wir uns seelisch und geistig kräftigen können und erleben, was Gemeinde wirklich bedeutet. Ein Jahr ist vergangen, und in diesem Jahr hat sich viel getan. Ich möchte euch aufrufen, auch weiterhin eng zusammenzuhalten, denn das Land versinkt immer mehr in Gewalt und Brutalität, und schwere Zeiten kommen auf uns zu.“ Enosch hielt inne. Tief atmete er die frische Morgenluft ein. Dann sprach er weiter.

„Aber nicht nur schwere Zeiten stehen uns bevor, sondern es hat auch ein neues Zeitalter begonnen, und unsere Hoffnung, auf die wir so lange hingewirkt haben, wird sich bald erfüllen.“ Ein erstauntes Gemurmel entstand, verstummte aber sofort, als Enosch die Hand hob. „Die Sterne lügen nicht. Wundersame Dinge werden geschehen, und es ist wichtig, dass wir vorbereitet sind. Ich möchte euch deshalb in Erinnerung rufen, was wir seit vielen Jahrhunderten wissen. Seid Ihr einverstanden?“ „Ja, ja“, riefen alle. Enosch lächelte. „Dann hört gut zu, denn diese Worte sind für euch gedacht.“ Voller Güte sah er auf die vielen Menschen und holte Luft.

„Gott ist Liebe, Licht und die Essenz des Lebens selbst“, begann er. „Alles wurde von Gott erschaffen. Vollkommene Harmonie herrschte und alles war eins mit ihm und in ihm. Gepriesen sei der Ewige!

Gott wünschte sich Gefährten, und deshalb schuf er aus sich heraus die Seelen der Menschen. Jeder Seele verlieh er nicht nur all seine eigenen Fähigkeiten als Schöpfer, sondern auch einen freien Willen. Denn wenn sie sich nicht frei entscheiden könnte, wäre sie dann eine echte Gefährtin? Der Allmächtige, gelobt sei er, wusste, dass die Seelen sich auch gegen ihn entscheiden konnten. Doch das hinderte ihn nicht daran, ihnen die Herrschaft über die ganze irdische Schöpfung zu geben!

Und als die Menschen dann ihren freien Willen nutzten, um sich als getrennt von Gott zu erfahren, begannen Leid, Krankheit und Tod sie zu versklaven. Geliebte Brüder und Schwestern, wir alle wissen, dass dies niemals Gottes Wille für seine Gefährten gewesen war!“

Aquarell: Barbara Maria Piel

Enosch unterbrach sich und schaute auf die Menge herab, die ihm andächtig lauschte. Er fuhr fort: „Doch der Ewige liebte die Menschen so sehr, dass er sie trotz ihrer Verfehlungen nicht aufgab. Und so schuf er einen Ausweg, damit die Seelen wieder zu ihm zurückfinden würden, und er gab ihnen ein Versprechen. Ein Versprechen, das uns und allen Generationen gilt. Ein Gesalbter wird erscheinen, ein Messias. Er wird der Schlange, dem Verführer, den Kopf zertreten! Er wird in die Materie kommen, um alle Menschen, die ihn annehmen, aus ihren selbstverursachten Verstrickungen zu befreien! Er, der königlich-göttliche Retter, wird das Erwachen der Menschheit bewirken! Dieses Versprechen gilt für Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft! Meine Lieben, ihr müsst euch dessen bewusst sein!“

Enoschs Stimme war immer eindringlicher geworden.

„Sind wir bereit?“ rief er laut. „Nehmen wir das Versprechen an? Tun wir das?“

„Ja!“ rief die Menge jubelnd zurück. „Ja, wir nehmen das Versprechen an! Der Allmächtige sei gepriesen!“

Enosch wartete einen Augenblick. Dann hob er die Hände und bat um Ruhe.

„Meine Lieben, der Ewige, gelobt sei er, hat uns nicht vergessen. Er hat uns auch dieses Fest geschenkt, damit wir voller Dankbarkeit an seine Güte denken. Brüder und Schwestern“, rief er, „dies ist der Tag, den der Herr gemacht hat! Lasst uns jubeln und fröhlich sein!“

Die Versammelten brachen in Hochrufe aus und begannen zu singen und zu tanzen. Das Laubhüttenfest hatte begonnen und schon bald würde der Retter kommen! Halleluja!

Die Wegbereiter

Wer waren diese Menschen, die auf dem Berg Karmel zusammengekommen waren, um das jüdische Erntedankfest zu feiern, und die jetzt so fröhlich sangen und tanzten? Als „Essēner“ wurden sie im Volk bekannt, und der Name, der „Erwartung“ bedeutet, war zutreffend, denn sie sahen es als ihre Aufgabe an, den Weg für das Kommen des Messias vorzubereiten. Die Gemeinschaft, die viele hundert Jahre zuvor gegründet worden war, führte ihre Tradition direkt auf die Propheten Elija, Elisa und Samuel sowie auf deren Schüler zurück. Sie stützte sich auf die Lehren des Priesterkönigs Melchisedek und tat alles, um die Reinheit dieser Lehren zu erhalten. Auf dem Berg Karmel, dort, wo einst Elija sein Feuerwunder vollbracht hatte, stand ihr eigener Tempel. Deshalb wurden die Essēner oft als „Karmeliten“ bezeichnet. Manche Menschen, die tiefer in die mystischen Lehren eingeweiht waren, sprachen von ihnen als die „Weiße Bruderschaft“. Gelegentlich nannte man sie auch „Nasiräer“, die „Gottgeweihten“.

Von den Führern und Priestern des Volkes der damaligen Zeit wurde die über das ganze Land Israel verstreute Gemeinschaft der Essēner aus religiösen Gründen misstrauisch beobachtet und oft auch verfolgt. Denn anders als die Pharisäer, Sadduzäer und deren Untergruppen nahmen die Essēner nicht nur Juden, sondern auch Nichtjuden als Mitglieder auf. Sie pflegten internationale Verbindungen und betrieben umfassende Studien über den Glauben sowie das tiefere Wissen anderer Völker. Daher unterschieden sich ihre Ansichten zum Teil sehr von denen der strenggläubigen Juden, die das Gesetz der Tora so auslegten, dass sie es erfüllen konnten. Die Essēner beschäftigten sich unter anderem mit Astrologie, Numerologie und der Rückkehr in das Fleisch, wie man damals die Reinkarnation nannte. Wie die Priester und Rabbiner der traditionell gläubigen Juden studierten und befolgten auch sie das mosaische Gesetz, aber sie deuteten es unterschiedlich. Sie ernährten sich anders und tranken gegorene Getränke nur sehr maßvoll. Es gab unter ihnen Propheten und auch Prophetinnen, denn Frauen spielten in der Gemeinschaft der Essēner eine wichtigere Rolle, als es allgemein im Land üblich war.

Aquarell: Barbara Maria Piel

Dreihundert Jahre lang bereiteten die Essēner mit ihrer besonderen Lebensweise die Ankunft des Messias vor. Sie beobachteten die Sterne und studierten ihren Lauf, und anhand der Zeichen des Himmels erkannten sie bald, dass ein neues Zeitalter beginnen würde – das Zeitalter der Fische. Am Anfang dieses Zeitalters, so hatten die Weisen einst prophezeit, würde ein Engel sprechen und die bevorstehende Ankunft des „neuen Moses“ verkünden, der sein Volk aus der Sklaverei des Widersachers Gottes befreien sollte. Er würde eine neue Offenbarung von Gott verkünden.

Nun hatte das Zeitalter der Fische begonnen und Enosch hatte es ihnen verkündet. Die Essēner waren voller Erwartung. Würde der Messias zu ihren Lebzeiten kommen, um ihr Volk zu befreien und zu neuen Ehren zu führen? Würde er ein Priester sein? Oder ein König?

Auf jeden Fall aber würde er das Land vom Joch des von Rom eingesetzten Herodes und seiner Nachfolger befreien, davon waren sie fest überzeugt. Wie gut, dass sie weise Führer hatten, die ihnen auch weiterhin die Kraft gaben, den Weg für den Messias zu bereiten: den Priester und Gelehrten Enosch, dem nicht nur die Ratsmitglieder Mattithiah und Juda zur Seite standen, sondern auch die Heilerin, Prophetin und Schriftgelehrte Judith. Sie würde, was noch niemand wusste, einmal Maria und später auch Jesus unterrichten.

Wie Enosch vorausgesehen hatte, geschahen schon bald wundersame Dinge, und die Gemeinschaft deutete die Zeichen so, dass die Ankunft des Messias kurz bevorstand. Doch auf das Ereignis, das sich nur wenige Monate nach dem Laubhüttenfest wie ein Lauffeuer bei den Essēnern herumsprechen sollte, waren sie nicht vorbereitet gewesen!

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Ein Sohn ist uns geschenkt! Die Weihnachtsgeschichte neu erzählt nach den Readings von Edgar Cayce
Von Stefanie Piel, Cayce Verlag 2019,
92 S., gebunden
ISBN: 978-3-9817549-4-0

Von Herzen wünsche ich Dir eine gute Zeit!
Deine Stefanie

Foto: Henny Jahn

2 Kommentare zu „Gottes Versprechen an die Menschen“

  1. Liebe Stefanie, als ich eben deinen Text las, durchfuhr es mich in Schauern. Das passiert nicht häufig, sondern nur, wenn ich heilige Texte lese, wie z.B. die Bibel, aber auch da nicht immer. Für mich ist das ein Zeichen wahrer göttlicher Inspiration. Ich grüße dich herzlichst, Britta

    1. Liebe Britta, von Herzen vielen Dank für Deine ermutigenden Worte! Wie schön, dass Dich der Text so berühren konnte. Während des Schreibens hatte ich tatsächlich oft das Gefühl, dass die Worte einfach aus mir herausflossen und ich es nur geschehen lassen musste. Und ich bin selbst zutiefst gesegnet worden.
      Ganz liebe Grüße von Stefanie

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